Siezen oder Duzen im Internet – Clemens Graf von Hoyos vs. Rezo und Xing

Von Max | Netiquette

Jul 04
Siezen oder Duzen im Internet - Clemens Graf von Hoyos vs. Rezo

Für Rezo, einen YouTuber und Zeit-Kolumnisten, ist das „Sie“ als Anrede in sozialen Medien eine grob unhöfliche Ansprache. Bereits Ende Januar sagte er: „In sozialen Medien ist das Du die Standard-Anrede. Doch erschreckend viele User respektieren das nicht.“ Knigge-Experte Clemens Graf von Hoyos hat für Online-Durchstarter einige Gedanken zum Duzen im Internet niedergeschrieben.

Duzen im Internet als Muss? Rezo nimmt sich heraus, zu behaupten, dies sei üblich, in den sozialen Medien. Das riecht jedoch verdächtig nach einem taktischen Kampf, ein Monopol des Duzens in den Medien zu erlangen. Und kürzlich hat Xing den Schritt gewagt und beschlossen: Das Siezen wird abgeschafft! Im Newsletter vom 28. Mai 2020 wurde festgelegt, dass alle 18 Millionen Nutzer des Business Netzwerkes sich von nun an duzen sollen. Innerhalb weniger Stunden gab es massiven Widerstand. So stellt sich also die Frage: Wie ist es jetzt mit dem Duzen und Siezen?

Sie oder Du – ein feiner Unterschied – auch im Internet

In einer überlieferten Geschichte heißt es, ein Chauffeur habe seinen Vorgesetzten gebeten, ihn mit „Sie“ statt wie zuvor mit „Du“ anzusprechen. Daraufhin antwortete dieser seinem Angestellten, er wolle dann künftig mit „Du“ angesprochen werden, damit weiterhin ein Unterschied zwischen ihnen bleibe.“ Laut Rezo sind die Zeiten, in denen die Mächtigen (also die Alten und Reichen) auf Basis von gesellschaftlicher Konvention und Gesetzen die Schwachen (also die Jungen oder Armen) viel eher entmenschlichen und missbrauchen, lange vorbei.

Entweder konsequentes Dutzen oder Siezen. Eine Ausnahme bilden hier höchstens die Klassen 1 bis 9 in den Schulen: Die Lehrkraft wird gesiezt und die Schüler geduzt.

Siezen und Duzen im Internet und in der analogen Welt

Grundsätzlich gilt für das Kommunizieren in der analogen sowie der digitalen Welt das Gleiche: Es ist die Interaktion zwischen Menschen. Die Verwendung von „Sie“ oder „Du“ hat an sich nichts damit zu tun, wie höflich oder unhöflich jemand ist. Ein Duzer kann ein sensibler, respektvoller Mensch sein, genauso wie es Siezer gibt, die unhöfliche Grobiane sind und umgekehrt. Trotzdem ist das „Sie“ allgemein ein Ausdruck professioneller verbaler Distanz. Wobei das „Du“ für persönliche Nähe steht. Das erzwungene „Du“ ist also eine – möglicherweise beabsichtigte – Manipulation der Beziehung, besonders wenn es noch keine gibt.

Die gemischten Formen, wie das Münchener-Du, Hamburger-Sie, das Tages-Du oder das Seminar-Du, lassen wir an dieser Stelle außen vor, da das nicht ganz unproblematisch ist. Eigentlich heißt es nämlich:  Einmal beim Du, immer beim Du! Die Funktion des Duzens ist klar, wenn Sie in abgegrenzten Gemeinden, in Baustellen-Trupps, innerhalb eines Unternehmens oder beim Sport im Team üblich sind. Der Zweck des Duzens ist die direkte Nähe und die ein Kollektiv erzeugende Kommunikation. Aber heißt das, dass es sinnvoll ist, das Siezen direkt abzuschaffen?

Wenn Duz-Räume erweitert werden, geschieht dies häufig aufgrund der spezifischen Vorteile, die der schnelle Du-Sager sich davon verspricht. Beispielsweise bei der Einstellung eines Dienstleisters als Duz-Freund: „Mach das bitte mal eben.“ In verschiedenen Online-Foren haben sich Early-Adopter bereits Ende der 1990er Jahre zur Differenzierung von der realen Welt häufig mit Du angesprochen. Der Grund dafür war in erster Linie die Verwendung von Spitznamen und Avataren, die keine eindeutige Ansprache zuließen.

Hin und her – wie das Internet das Siezen anfangs begünstigte

Seit allerdings in jedem Haushalt eine Internetverbindung besteht und mobile Geräte auch den Massen den jederzeitigen Zugriff auf das World Wide Web ermöglichen, jede Altersgruppe online ist und Menschen (oft) keine Angst mehr haben, unter echtem Namen zu erscheinen, kann man nicht mehr pauschal sagen, dass in den sozialen Medien geduzt wird. Schließlich ist das Internet heute ein Querschnitt unserer Gesellschaft.

Wenn Sie jedem Einzelnen in einer Gesellschaft gerecht werden möchten, sollten Sie sich frei nach Knigge bewusst machen, was – vor dem Hintergrund der Wertschätzung und Rücksichtnahme – zumindest als dem Anlass und dem Adressaten angemessenes Verhalten wahrgenommen werden kann. Was mit guten Absichten passiert, wird nicht von allen als gut empfunden. Im Idealfall ist Ihr eigenes Verhalten weitgehend situationselastisch. Warum sollte etwas anderes online als offline gelten?

Duzen als Geschäftsmodell – IKEA lässt (Dich) grüßen

Soziale Konventionen befinden sich laut Rezo „ständig im dynamischen Wandel“. Dem muss man zustimmen. Ihm zufolge würde man jetzt jedoch in den sozialen Medien nur noch duzen. Aber wie es hier gesagt wird, klingt es fast so, als wäre die höchste Evolutionsstufe erreicht. Im Netz, wo Menschen manchmal absichtlich ihre Identität verschleiern, könnte man genauso allgemein argumentieren, dass man siezen muss, weil man nichts über den anderen weiß.

Wo ist dann die Dynamik, wenn es außer „Sie“ und „Du“ überhaupt keine großartigen Alternativen gibt? Für Rezo sind Menschen, die das „Sie“ in seine Duzwelt tragen, Reaktionäre. Wir wissen jedoch spätestens seit IKEA, dass eine solche Alternative auch ein großartiges Geschäftsmodell ist. Dies gilt möglicherweise noch mehr für einen YouTube-Kanal. Hier vermischt sich also bereits ein lukratives Geschäftsmodell mit einer angeblichen Entwicklung der Kommunikation.

Xing stützt sich auf eine Umfrage zur neuen Duz-Kultur, in der „eine überwältigende Mehrheit „Ja“ zu Duzen sagt. Es ist nicht klar, wer hier genau befragt wurde. Ich kann mich nicht erinnern, interviewt worden zu sein – genauso wenig wie meine Xing-Kontakte, die ich dazu interviewt habe. Ein weiteres Argument von Xing: Wir fühlten uns einfach wohler mit dem Du. Wieder entsteht der Eindruck, als ob die eigenen Interessen und Gefühle mehr zählen als die des Empfängers.

Siezen oder Duzen im Internet – ein vorläufiges Fazit

Ganz klar: Solche umfangreichen Kommunikationsmittel und -kanäle ähneln mit zunehmender Nutzung immer mehr der Gegenwart, werden zu einem Bild der Kommunikation im analogen – oder ketzerisch: der realen Welt. Jeder, der als aufgeklärter Mensch einen allgemeinen Respekt vor anderen Menschen hat, kann nicht so entsetzt auf ein „Sie“ reagieren. Es gilt weiterhin die Faustregel: „Du“ ist Vertrautheit, „Sie“ ist Unvertrautheit. Ein „Sie“ gleicht einer respektvollen Distanz, ein „Du“ ist distanzlos. Die bekannte Binsenweisheit um das A-Wort muss hier nicht einmal erwähnt werden.

Wer künstlich und zum Zweck eines besseren Selbstmarketings eine ideale Welt von Gleichen unter Gleichen fordert, bewegt sich bereits in einer Welt der Unausgewogenheit.

Clemens Graf von Hoyos

Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass sich die Beziehung ändert, wenn man das Kommunikationsmedium wechselt. Bei guter Kommunikation werden nicht nur Nachrichten, sondern auch Informationen transportiert. Diese Informationen geben Auskunft über Ihre eigene Rolle, Ihre eigene Funktion und Ihre eigene Persönlichkeit und ermöglichen so ein individuelles Adressieren. Früher oder später werden Kontakte geknüpft, gepflegt und vertieft. Irgendwann ist die Zeit des Duzens gekommen – oder vielleicht auch nicht.

Die Zeit des Internets als geschlossene Duz-Gesellschaft ist überholt, seit es sich zu einem Massenmedium entwickelt hat. Überall dort, wo sich die Gesellschaft widerspiegelt, haben Toleranz und Demokratie Vorrang vor den Dogmen kleiner Interessengruppen. Der entscheidende Punkt ist, dass sich jeder entsprechend seiner Façon glücklich fühlen sollte. Jedoch sollte man sich immer bewusst sein, dass die Freiheit des Individuums dort endet, wo die Freiheit des anderen beginnt. Und das kann auch eine Rückkehr zum „Sie“ bedeuten. Also das Siezen für mehr Duzen im Internet abschaffen? Gewiss nicht!

Dieser Beitrag ist in ähnlicher Form zuerst auf VonHoyos.com erschienen.

Über den Autor

Max ist Online-Redakteur und PR-Stratege für alle Themen rund um digitales Marketing. Für ihn gehört zu guter Kommunikation immer auch tolles Design, weswegen er sich gerne mit einem Heer von Grafikern, Illustratoren und Fotografen umgibt.

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(2) Kommentare

nelfii letzten Monat

hatte das bisher wie rezo gesehen. aber jetzt bin ich ins gruebeln gekommen. wenn das duzen zum zwang wird ist es ja echt irgendwie auch wieder spiessig…

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Keytokash letzten Monat

Bin schon sehr lange Xing-Mitglied und fand es auch irgendwie ungehörig, dass man mir das „Du“ nicht anbietet, sondern quasi aufzwingt. danke für den beitraf

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